Warum eine Auszeit?

Viele Menschen gönnen sich eine Auszeit. Aber warum ist das so? Sind wir alle überarbeitet, sind wir unglücklich mit unserem Leben oder machen wir es nur, weil gerade en vogue ist?

Warum ich mir eine Auszeit nahm?! Mein Leben ist eigentlich eins, wie jedes andere auch. Ich habe einen Job, einen Partner, einen Hund, eine neue Wohnung und viele liebe Freunde. In meiner Freizeit fahre ich gerne nach Frankfurt zu meinem Lieblingsyogastudio, ich gehe sehr gerne, und zugegebenermaßen, zu oft in meine Lieblingsrestaurants, in denen mich die Besitzer bereits mit Namen ansprechen und wissen was ich bestellen werde. Ich liebe es shoppen zu gehen, mag schöne Dinge und interessiere mich für andere Länder. Mir war schon sehr früh klar, dass ich einen Job möchte, der nicht nur meinen Geldbeutel füllt, sondern auch mein Herz. Gegen den Wunsch meiner Mutter, eine steile Karriere in einer Behörde zu bestreiten, folgte ich meinem Herzen bis es mich zu einer Unternehmensberatung brachte und ich endlich das Gefühl hatte, hier bin ich richtig. Die Jahre vergingen und nun legte ich dort eine steile Karriere hin. Ich machte viele großartige und bewegende Weiterbildungen, hatte recht bald namenhafte und große Kunden und da ich wusste, dass ich nicht der 9 to 5 Mensch bin, handelte ich mit meinem Arbeitgeber ein Arbeitsmodell aus, welches mir ermöglicht ein geregeltes Einkommen zu haben, aber auch noch genügend Zeit für mich und meine Selbstständigkeit. Also eigentlich alles gut, oder?

Als Frau in den Dreißigern wie auch in den Zwanzigern, begleiten mich wichtige Fragen. In den Zwanzigern waren es Fragen wie: Was möchte ich nach der Schule machen? Was macht mich glücklich? Kann ich mir eine eigene Wohnung leisten? Werde ich je den Mann fürs Leben finden?

Manche Fragen bleiben bis Dreißig, aber wenn viele Freunde und Bekannte um Dich herum heiraten, Kinder kriegen, auswandern usw. kommen Fragen hinzu wie: Familie oder Karriere? Bin ich hier noch richtig? Ist es das was ich will? Wo sehe ich mich in 5 Jahren? Will ich im Ausland leben? Soll ich an eine Altersvorsorge denken? And so on…

Es gibt viele gute Gründe Abstand vom „normalen“ Leben zu nehmen um wieder klar zu sehen. Hier meine big 5:

1) Travel far enough, you will meet yourself.

2) Lerne Dein Leben und die Menschen in Deinem Leben wieder zu schätzen.

3) Hinterfrage Dinge, denen Du vorher zu viel oder zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt gewidmet hast.

4) Sei dankbar und demütig.

5) Lass Dich begeistern und mitreißen von all dem Neuen und Unbekannten.

Und das tat ich. Als ich feststellte, dass ich mich leer fühlte und den Zugang zu mir verloren hatte, eröffnete ich ein Zeitfenster von 6 Wochen. Wichtig: unbedingt wegfahren/wegfliegen/wegsegeln oder wegwandern. Eine Auszeit zuhause funktioniert nicht!

Da ich aber nicht nur die Seele baumeln lassen wollte, sondern mir auch der Sinn nach etwas Sinnvollem stand, durchstöberte ich das Internet nach Hilfsprojekten im In- und Ausland. Die Zeit verging immer schneller und es blieben nur noch 4 Wochen. Nichts sprach mich so richtig an, obwohl die Arbeit mit Pinguinen, Delfinen oder Schildkröten sicherlich auch richtig und wichtig ist. Bis eines Tages in mein Postfach eine E-Mail von unserem Hilfsprojekt in Tansania eintraf, welches unsere Firma schon seit Jahren finanziell unterstützte. Volunteering bis 4 Wochen, 3 Monate oder ein ganzes Jahr!? Ja. Und eh ich mich versah, buchte ich den Flug nach Tansania. Wo lag das noch mal ganz genau? Kann man auch Urlaub machen und wie ist das Wetter? Als ich letztendlich dann auch auf diese Fragen Antworten fand, packte ich meine Koffer und machte mich auf die große Reise.

Knapp 3 Wochen Volunteerarbeit in einem Waisenhaus in Tansania, 2 Tage Safari, 2 Tage Großstadt und die restliche Zeit auf Sansibar. So sollte es am Ende sein.

Mir war es wichtig, eine gewisse Zeit alleine diese Reise anzutreten und für mich zu sein. Aber genauso ist es wichtig, den Partner miteinzubeziehen. Carsten kam also 2,5 Wochen später.

Der Benefit dieser Reise

Zu erzählen, was ich dort alles erlebt habe, würde einen weiteren Blogeintrag füllen. Darum hier die 5 Benefits meiner Reise, die den ein oder anderen vielleicht dazu ermuntert, seinem Herzen zu folgen.

1) Raus aus der Komfortzone. Afrika war definitiv raus aus meiner Komfortzone. Angefangen bei den sanitären Anlagen, die Müllentsorgung, die Kultur, die Menschen und deren Einstellungen und den Verzicht meiner Freiheit. Mich nicht frei bewegen zu dürfen um mich oder das Waisenhaus in Gefahr zu bringen, weil böse Menschen Weiße als wandelndes Portemonnaie sehen, war eine sehr große Einschränkung. Gefolgt von dem Gestank der Müllverbrennung, das Wahrnehmen und die Verarbeitung der Armut oder einer gewissen persönlich empfundenen „Gleichgültigkeit“ bei den Menschen. Tansania spaltete mich in 2 Hälften. Aber es führte ebenfalls dazu, Dinge in Deutschland in Frage stellen. Ich lernte dort die Einfachheit der Dinge. Ein Beispiel: In Deutschland gibt es 2-lagiges, 3-lagiges oder 4-lagiges Toilettenpapier mit Aloe Vera Duft – in Tansania gibt es: Achtung Trommelwirbel – Toilettenpapier. Hier gibt es Spüllappen, Spülschwämme, Stahlschwämme – von den 40 verschiedenen Spülmitteln ganz zu schweigen – in Tansania im Waisenhaus gab es aus geflochtenen Plastiksäcken eine Art Schwamm und Seife. Raus aus der Komfortzone bedeutet, sein inneres Zuhause neu zu dekorieren.

2) Erfahrungen sammeln. So banal es klingt, aber was hat ein guter Freund zu mir gesagt: Die Erfahrungen sind fürs Leben. Und er hatte Recht. Es ist wahnsinnig spannend und inspirierend zu sehen, wie Leben auch anders funktionieren kann. Zu sehen, wie andere Menschen, andere Kulturen kochen, die Kinder spielen und was sie in der Schule lernen. Wie sie Dinge transportieren, womit und wie sie sich fortbewegen. All das lässt vieles von dem, womit wir uns in Deutschland beschäftigen, so unwichtig erscheinen.

3) Interessante Menschen kennenlernen. Es ist wirklich so: lernte ich hier bei Veranstaltungen oder Geburtstagen Ärzte, Berater oder Beamte kennen, lernte ich im Urlaub einen Franzosen aus Kabul kennen, der dort lebt und arbeitet. Einen deutschen Gutachter der rein nur für Bäume zuständig ist und der bei einem Projekt im Ausland seine große Liebe kennenlernte. Oder ein deutsches Pärchen, die eine Kiteschule in Sansibar eröffnet haben. Wow. So viele interessante Lebenswege und so unterschiedliche Motivationen. Eine große Bereicherung für mich.

4) Ruhe finden – seine innere Stimme hören. Ich merke es, seitdem ich wieder in Deutschland bin. Viele Dinge laufen parallel und verursachen eine gewisse Lautstärke. Sei es das Radio welches parallel neben dem Autofahren, dem Kochen oder dem Essen läuft. Der Fernseher, der im Urlaub, selbst wenn Hotels einen besaßen, nie lief, zeigt hier wieder die üblichen Themen. Das kurze Checken der üblichen Internetseiten wie Facebook, während man auf den Bus, das Essen oder den Freund wartet. Vieles läuft aus Effizienzgründen parallel und raubt uns der Ruhe und der klaren Gedanken. Durch die Hitze und die „Hakuna-Matata-Gelassenheit“ in Tansania, konnte ich oft nur eine Sache machen bzw. meine Aufmerksamkeit einer Tätigkeit widmen. Und das tat gut. Plötzlich träumte ich wieder und fand so Antworten auf viele persönliche Fragen, wie ich sie oben im Text erwähnt hatte.

5) Etwas komplett Neues ausprobieren – Angst überwinden. Ungeplant oder wie du Jungfrau zum Kinde, kam ich zum Kitesurfen. Ich bin nicht wirklich gut in Dingen oder Sportarten, bei denen ich mehr als meinen Körper kontrollieren muss. Rollerfahren führte zu einem Miniunfall gegen eine Steinmauer, vom Pferd fiel ich nicht nur einmal und Ballsportarten machen mir einfach keinen Spaß. Aber mit dem richtigen Coach klappt es einfach. Ich hatte wirklich großen Respekt vor 18 m2 Kite, der mich in meinen Horrorvorstellungen in schwindelnde Höhen zog oder mich unkontrolliert gegen die Klippen prallen ließ. Sogar jetzt schreibe ich diese Zeilen mit schwitzigen Händen. Dennoch probierte ich es. Ich lernte meine Angst zu überwinden, indem ich (den Kite) losließ, sobald es bremslich wurde. Ich lernte, Ruhe zu bewahren sobald Wind aufkam um den Kite zu führen. Und ich lernte Spaß zu haben und mich vom Kite und dem Wind tragen zu lassen.

Zugegeben, natürlich gibt es gute Gründe nicht zu gehen. Für eine gewisse Zeit heißt es Lebewohl zu sagen und wichtigen Menschen, den Hund oder sein Zuhause zurückzulassen. Das tut weh. Sich eine Auszeit zu nehmen heißt auch zu verzichten. Konsum, Gehalt, Komfort, oder auch wie in meinem Fall, auf einen gewissen Grad Freiheit zu verzichten. Aber wie ich meinen Yogis auch immer sage, haben wir in unserem Kopf zwei Stimmen. Die eine sagt uns, es geht wirklich nicht. Ich finde keinen der auf meine Kinder, Haus und Hof aufpasst, ich würde meinen Job verlieren oder ich kann meine kranke Frau nicht alleine zurück lassen. Im Yoga sind es Asanas, die einem (zu der Zeit) nicht gut tun und die wirklich Schmerz verursachen. Die andere Stimme ist der innere Schweinehund. Der, der unsere Komfortzone wie ein Hütehund beschützt und uns all die unbequemen Hindernisse aufzählt, die es augenscheinlich unmöglich machen zu gehen. Im Yoga sind es die Asanas, die unbequem und anstrengend erscheinen.

Die Kunst ist es sich selbst zu fragen, welche Stimmen spricht zu mir und dann zu entscheiden. Man muss nichts erzwingen, wenn die Zeit noch nicht reif ist. Mache keinen Pinguin aus Dir, wenn Du eigentlich ein Wüstenbewohner bist. Aber ist es der Schweinehund der zu Dir spricht, musst Du erstrecht auf die Matte. Denn nur dann kann Lernen entstehen.

Lisa Bastian